|
Jan Gembal and Mimesis
PRESS
Pantomime als Philosoph
Zweifellos eine ernstzunehmende Begabung in der nicht sehr voluminösen Kunstsparte der Pantomime: Der in Polen geborene und seit fünf Jahren in Liechtenstein als Pantomimenlehrer ("Theaterkarussell") tätige Philosophiestudent Jan Gembal präsentierte am Saumarkt sein interessantes Programm "Stumme Anthropologie II".
Die Pantomime ist für den jungen Polen, (...) jenes Medium, um allgemein menschliche Probleme und Befindlichkeiten bestmöglich transparent zu machen. Auf das gesprochene Wort verzichtet er dennoch nicht ganz. Zu Beginn und am Schluß seines Dutzends pantomimischer Etüden stellte Jacko die wahrlich philosophische Frage: "Wer ist der Mensch?" und brachte den Homo ludens dann mit dein Schnitzler-Zitat, daß wir alle immer spielen, in Beziehung.
Stumme Anthropologie
"Anthropologie" bedeutet schlicht und einfach die Lehre vom Menschen. Eugen Roth hat in seinem Klassiker "Ein Mensch" dieses zweibeinige Chamäleon in einer Vielzahl "menschelnder" Situationen reimend verewigt. Nun, der geschmeidige Jan Gembal tut dasselbe mit differenzierter Körpersprache in seinen zwölf Nummern, die teils von markanten Klängen großer Meister akustisch untermalt werden. Die "Freiheit" ist noch ganz Marceaus berühmter Paradiesnummer verpflichtet; köstlich "Der Brief", der den zum Selbstmord Entschlossenen schließlich versöhnlich stimmt und ihm resignieren läßt; in "Schach' mit zwei Stühlen explodiert das Spiel in einer herrlichen Ekstase; der "Toreador" ist parodiertes Pathos par excelence; in "Selbstidentität" gibt's einen Blick in die Seele eines Taktstockgottes, und der "Wartende" hat zweifellos etwas von Kafkas absurdem Türhütergleichnis usf. Als Encore bat Jan zu gemeinsamer Pantomimik auf die Bühme. Jan Gembal ist ein willkommener, kräftiger Farbtupfen im Reigen regionaler Bühnenkünstler; ihm seien aber bald auch internationale Podien gewünscht.
Voralberger Nachrichten 7.03.1996
Lyrik, Musik, Stuhl, Rose
Ein interessantes künstlerisches Experiment (...) war im Theatersaal "Karl der Große" in Zürich zu erleben. Der Schweizer Lyriker Oscar Stucky hatte sich mit dem polnischen, in Liechtenstein lebenden Pantomimen Jan Gembal zusammengetan, um "die Einheit zwischen Poesie, Bewegung und Musik nach der antiken Tradition sich verschmelzend wiederzugeben."
(...)
Im klassischen schwarzen Trikot, das Gesicht weiß geschminkt und nur die Konturen von Augen und Mund betont, vermittelte der junge Künstler auf ergreifende Weise (zu eigener Musik und akzentuierend eingesetzten Geräuschen) über das lyrische Wort hinaus Unsagbares an innerem und äußerem Geschehen. Ein Stuhl, eine Rose - kaum Requisiten, aber eine ausdrucksstarke, vielfarbige Gestik. sensibel und genau. die das bedeutende pantomimische Talent Jan Gembals unter Beweis stellte.
Das Programm gliederte sich in mehrere Abschnitte: Einführung. Licht. Welttheater. Herbst, Wind. Liebe. Wobei die Effekte, welche durch die Beleuchtung erzielt wurden - von der rotbeschirmten Leselampe bis zum Punktscheinwerfer - eine dramaturgische Funktion hatten.
Das zahlreich erschienene Publikum war schnell von dem Experiment gefangen genommen und reagierte mit innerer Beteiligung. Diesem erfolgreichen Unternehmen ist unbedingt Wiederholung und Fortsetzung zu wünschen.
Elisabeth Graul, Der Literat 6/97